Der Himmel im See
Ich schreibe am Ufer der Galene, im Jahr, in dem der Stein auf fünfundachtzig steht. Die Nacht ist noch nicht vorbei, und wie sie ausgeht, weiß ich nicht.
„Oben jagen die Wolken“, sagte Raun, „und hier unten rührt sich kein Halm.“
Er saß auf dem flachen Felsen am Ufer, auf dem er jeden Abend saß, die Knie an die Brust gezogen, und sah in den See. Die Galene lag so still, dass die Wolken darin schärfer waren, als ich sie je am Himmel gesehen hatte. Sie zogen schnell, von Westen nach Osten, und ihre Ränder fransten aus wie Wolle, die man zu grob kämmt. Es gab keinen Mond in dieser Nacht, und doch sah ich jede Kante.
„Seit drei Nächten schweigen die Frösche“, sagte er. „Das hält mich wach.“ Er sah nicht vom Wasser auf. „Du spürst es auch, nicht wahr? Wir alle.“
Ich nickte und folgte seinem Blick aufs Wasser. Ob ich es spürte oder nur von allen gehört hatte, wusste ich nicht.
Raun streckte die Hand aus und hielt sie über den See, flach, eine Fingerbreite über dem Spiegel, wie man die Hand über die Asche hält, um zu prüfen, ob noch Glut darin ist. So hatte er es mir beigebracht, als ich sieben war und er noch keine weißen Haare hatte: Das Wasser weiß, was kommt, bevor der Wind es weiß. Ich habe die Hand seitdem oft über die Galene gehalten und nie etwas anderes gespürt als Kühle. Raun spürte mehr. Er las das Wetter für das Dorf, seit sein Vater nicht mehr allein bis zum Ufer kam, und in vierzig Jahren hatte er sich zweimal geirrt. Er erzählte es selbst, beim Fest, vor allen: das eine Mal, als er Hagel angesagt hatte und Regen kam und das Dorf die Boote umsonst an Land zog. Das andere Mal erzählte er nie zu Ende.
Vom Hang kam kein Wind herunter, nur der Geruch von Erlenrauch und Fisch. Die Räucheröfen liefen seit Wochen, Tag und Nacht.
Sie liefen, weil die Netze voll waren. Seit dem Frühjahr war jeder Zug schwer gewesen, so schwer, dass die Alten zu zweit an einer Leine hingen, sich die Hände wund rissen und dabei lachten. Die Barsche bissen auf blanke Haken. Kinder fingen sie im Flachwasser mit der Hand und trugen sie zappelnd heim, in jeder Faust einen. Die Händler aus den Bergdörfern kamen zweimal in der Woche statt einmal, und zum ersten Mal, seit ich denken kann, kaufte das Dorf ihnen Salz auf Vorrat ab, mehr, als es je brauchen würde, in Säcken, die sich in den Schuppen bis unters Dach stapelten. Raun sagte, so fressen die Fische vor einem Unwetter. Das Dorf sagte, es sei ein gutes Jahr. Beides wurde an denselben Tischen gesagt.
Am Morgen der Tagundnachtgleiche hatten die Hüter den Stein gesetzt, wie in jedem Herbst. Der Stein steht am Hang über dem Ufer, grau und so hoch wie ein zehnjähriges Kind, und für jedes Jahr trägt er eine Kerbe; die untersten sind so verwittert, dass man sie mit dem Finger suchen muss. Vom Stein bis zum Wasser geht der älteste Hüter, Ferse vor Spitze, und zählt laut, und das ganze Dorf zählt mit. Dann sitzen die Hüter einen Tag lang im Bootshaus und wägen die Zeichen des Jahres: wie die Fische beißen, wie früh das Schilf braun wird, ob die Frösche singen, was die Hebammen erzählen und was die Alten träumen. Am Abend graben sie den Stein aus und setzen ihn neu. Im vergangenen Jahr hatte er neunundachtzig Fuß vom Wasser gestanden. In diesem Jahr setzten sie ihn auf fünfundachtzig.
So nah am Ufer war er nie gewesen, nicht in Rauns Leben und nicht in dem seines Vaters. Einmal, als Raun jung war, hatten sie ihn zurückgetragen, weit hinauf bis zu den Weiden, und das Dorf hatte drei Tage getanzt. Raun erzählte das gern. Er erzählte es, wie andere von einer Liebe erzählen, aus der nichts wurde.
Auch diesmal gab es ein Fest. Es gab geräucherten Barsch und den sauren Wein aus den Bergen, und auf den Tischen blieb mehr liegen, als gegessen wurde. Die Leute standen am Ufer, die Becher in der Hand, und betrachteten die Wolken im See. Den Himmel liest man bei uns im Wasser; das lernen die Kinder, bevor sie schwimmen lernen. Der See zeigt ihn genauer, sagen die Alten, und nach oben sehen nur Kinder und Narren. Jeder sah im See auch sich selbst, das lässt sich bei einem Spiegel nicht vermeiden, und manche strichen sich dabei das Haar zurecht. Sie sagten einander, dass etwas aufzog. Sie sagten es, wie man vom Wetter spricht, und schenkten nach.
Die Letzten gingen mit ihren Laternen den Hang hinauf, und eine Weile sah man ihre Lichter noch im See. Jetzt waren die Feuer heruntergebrannt, und Raun und ich saßen allein am Wasser.
„Und was tun wir?“, fragte ich.
Er antwortete lange nicht. Seine Hand hing über dem See und zitterte, ganz leicht, wie seit dem Winter.
„Wir sehen hin“, sagte er. „Das ist mehr, als die im Dorf tun.“
„Und dann?“
Er hob das Kinn, nicht zum Himmel, zum anderen Ufer hin. Drüben lag die Nacht schwärzer als bei uns, denn drüben hat, solange ich lebe, nie ein Licht gebrannt.
„Ich bin einmal hinübergerudert“, sagte Raun. „Da war ich jünger als du. Es hat mich einen Tag gekostet, hin und zurück, und eine Tracht Prügel, als ich heimkam.“ Er lachte nicht dabei. „Die Häuser sind aus demselben Stein wie unsere. Die Türen stehen offen. Auf den Tischen stehen Schalen aus einem Ton, den bei uns keiner mehr brennt, und in den Schalen ist etwas eingetrocknet, das einmal Suppe war. Ich habe kein verbranntes Holz gefunden. Keine Knochen. Kein Grab, das jünger aussah als die anderen. Nur die Schalen.“
Er schwieg eine Weile.
„Unten am Ufer steht ihr Stein. Er hat Kerben wie unserer. Das Wasser geht ihm bis über die oberste.“
„Was ist mit ihnen geschehen?“
„Die Alten sagen, der Sturm hat sie geholt. Meine Großmutter hat gesagt, sie sind ihm entgegengegangen.“
„Und was stimmt?“
„Wenn ich das wüsste“, sagte Raun, „würde ich schlafen.“
Neben meinem Fuß lag ein Kiesel, flach und noch warm vom Tag. Als Kinder hatten wir solche Kiesel über die Galene springen lassen, sieben Sprünge, acht, und Raun hatte uns vom Ufer gejagt, weil wir ihm das Wasser verdarben. Ich hob ihn auf und wog ihn. Neben mir hing Rauns Hand über dem See und zitterte. Dann warf ich ihn von oben, so hart ich konnte, mitten in die Wolken. Er sprang kein einziges Mal.
Der Spiegel brach. Die Wolken zerfielen in Ringe und die Ringe in Splitter, die gegeneinander liefen, und Raun riss die Hand zurück, als hätte das Wasser nach ihr geschnappt. Er fuhr mich an wie damals, als wir Kinder waren. Im See war nichts mehr zu lesen.
Ich hob den Kopf.
Über der Galene lag der Himmel, klar bis zu den Bergen, ohne eine einzige Wolke. Dort oben jagte nichts. Die Sterne standen so dicht, dass zwischen ihnen kaum Schwarz blieb, und quer über allem lief ein milchiges Band, das im See immer nur ein Dunst gewesen war. Ich hatte nicht gewusst, wie viele es gibt. Nach einer Weile schmerzte mein Nacken; er war die Haltung nicht gewohnt.
Als ich wieder hinuntersah, hatte der See sich beruhigt. Die letzten Ringe liefen ins Schilf und vergingen, und der Spiegel schloss sich. In ihm zogen die Wolken wieder, schneller als zuvor und dunkler, von Westen nach Osten, unter einem Himmel, in dem keine waren. Zwischen ihnen lagen unsere Gesichter, meins und Rauns, und die Wolken zogen durch sie hindurch.
Raun streckte die Hand aus, hielt sie flach über das Wasser, eine Fingerbreite über dem Spiegel, und wartete. Sie zitterte nicht mehr.
Ich habe es ihm nicht gesagt. Ob man so etwas sagen kann, weiß ich nicht; vielleicht muss jeder selbst werfen. Ich schreibe, bis es hell wird. Dann gehe ich hinauf ins Dorf, zu denen, die schlafen. Am Ufer liegen genug Kiesel.
Die Frösche schweigen noch.